Im Januar und Februar dieses Jahres blickte die Weltöffentlichkeit gespannt nach Ägypten. Achtzehn Tage Massenproteste erzwingen den Rücktritt von Präsident Mubarak. Auf dem Platz der Befreiung in Kairo demonstrierten, tanzten und beteten die Menschen. Sie selbst hatten keine politische Macht. Ihre Beharrlichkeit und ihre Hoffnung waren ihre Stärke.
Erinnerungen werden wach: Vor zwanzig Jahren fiel die Mauer in Berlin. Die Menschen, die sie letztlich zum Einsturz brachten, hatten ebenfalls keine politische Macht. Auch hier waren Beharrlichkeit und Hoffnung stärker. Die Reaktion eines SED-Funktionärs brachte es damals so auf den Punkt: Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.
Die traditionelle Zuordnung von Macht und Stärke, von Ohnmacht und Schwäche scheint erschüttert. Ist das möglich, Macht und Schwäche zusammenzudenken?
Die Männerarbeit stellt sich in ihrem neuen Jahresthema dieser Frage im Blick auf die Männer:
„…in den Schwächen mächtig?“
Männer zwischen Macht und Ohnmacht
Im gesellschaftlichen Diskurs werden den Männern in der Regel Macht und Stärke zugeschrieben. Das Kultlied „Männer“ hat das leicht ironisierend aufgenommen: „Männer sind furchtbar stark.“ Männer haben Macht. Beispiele gibt es genügend – etwa in den Vorständen der Dax-Konzerne und auch in kirchlichen Leitungsfunktionen.
Diese Zuordnung von Mann und Macht hält allerdings einem differenzierteren Blick nicht stand: So ist die berufliche Situation des überwiegenden Teils der Männer nicht durch Machtpositionen, sondern durch Unterordnung und Ohnmacht gegenüber den Arbeitsbedingungen gekennzeichnet, die in bestimmten Bereichen monoton und sogar gesundheitsgefährdend sind. Der Männertherapeut Björn Süfke kommt zu dem Resümee: „Wir Männer waren niemals das mächtige Geschlecht. Wir waren lediglich – und sind weitgehend – das Geschlecht, dem die wenigen Mächtigen entstammen.“
Eine weitere Ohnmachtserfahrung ist die Gewalt. Männer sind prozentual fast genauso häufig wie Frauen Opfer von Gewalt.
Die Spannung zwischen Stärke und Schwäche findet sich schließlich auch im zwischengeschlechtlichen Bereich. Wenn der Mann zu seinen Schwächen und Ängsten steht, muss er sich gegen das Etikett „Softie“ wehren. Zeigt er Stärke, ist er – so der Vorwurf – in seine traditionelle Rolle zurück gefallen.
Wie können Männer mit dieser Spannung zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Macht und Ohnmacht umgehen? Gibt es Erfahrungen und Orientierungen, auf die sie zurückgreifen können?
Der erste Teil des neuen Jahresthemas ist ein biblisches Zitat aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (12,9).
Paulus beschreibt hier eine Erfahrung, die sein Leben grundlegend verändert hat. So war sein Leben früher bestimmt von tradierten Vorstellungen, die als objektive Wahrheiten und Richtigkeiten verstanden wurden. Hier hatten Alternativen keinen Platz. Hier ging es vielmehr darum, Macht, Einfluss und Stärke zu sichern und Konkurrenten abzuwehren oder sogar zu verfolgen. Es ist der ständige Kampf, indem man sich Schwäche nicht leisten kann. Paulus muss die Erfahrung machen, dass diese Lebensperspektive und dieser Lebensentwurf nicht mehr tragen. Er muss die für ihn schmerzlichen Erfahrungen seiner eigenen Begrenztheit und Schwäche machen. Erst die Annahme dieser Begrenztheit und Schwäche macht ihn frei, für die Kraft, die sein Leben wirklich trägt und zum Kern seiner Verkündigung wird. Es ist die Offenbarung der Liebe in Jesus, dem Christus. Es ist die Befreiung von Selbstdarstellung und Überschätzung. Es ist die Fähigkeit, ehrlicher gelassener und unverkrampfter zu leben.
In einem solchen Leben, das von der Liebe getragen wird, werden Männer Macht als das sehen, was sie sein sollte: Die Möglichkeit, Verantwortung für die Gestaltung gerechterer Lebensverhältnisse zu übernehmen. Sie werden dabei die Erfahrungen von Begrenztheit, Schwäche und Ohnmacht nicht verdrängen, sondern akzeptieren. Sie werden gerade darin stark, menschliches Leben realistisch zu sehen und zu verändern.
Heinz-Georg Ackermeier, Dr. Helmut Eiteneyer
Vorsitzende der Männerarbeit der EKD |